Dem Stern der Sehnsucht folgen

ein Zeugnis zum Advent 2011 in Venne

Zehn, zwölf Leute sind wir an diesem Freitagabend vor dem ersten Advent in Venne: ein paar Studierende, ein paar Leute in mittleren Jahren, auch ein, zwei Ältere; zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer. Von Hamburg bis Freiburg sind wir zusammengekommen, eine Studentin sogar aus der Schweiz. Wir wollen uns einstimmen auf den Advent, wollen „dem Stern der Sehnsucht folgen“, wie die Schwestern vom Verbum Dei diese Tage überschrieben haben.

Rund 5000 Sterne, so hören wir, kann der Mensch mit bloßem Auge sehen – wenn er weit genug entfernt ist von jeder Stadt und jeder „Lichtverschmutzung“ durch menschliche Zivilisation. Ein paar davon schauen wir uns an diesem Abend an. Unser Haus und die nahe stehenden Bäume machen uns den Horizont sehr, sehr eng; auch ein paar Wolken ziehen über uns hinweg und nehmen uns immer wieder die Sicht. Doch einige Sterne können wir tatsächlich erblicken; hören können wir, dass das Licht des nächsten Sternes viereinhalb Jahre braucht, um zu uns zu kommen; ahnen vielleicht, wie sehr die Menschen schon vor Tausenden von Jahren versuchten, aus dem Licht der Sterne Weisungen für ihr Leben zu gewinnen.

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen gesehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“, so berichtet das Matthäus-Evangelium. Und der Psalm 72 im Alten Testament sagte voraus: „Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige müssen ihm, dem Königssohn, huldigen; alle Völker ihm dienen. Denn er rettet den Gebeugten, der um Hilfe schreit, den Armen und den Hilflosen; er erbarmt sich des Gebeugten und Schwachen, er rettet das Leben der Armen. Von Unterdrückung und Gewalttat befreit er sie, ihr Blut ist in seinen Augen kostbar... Er wird Recht verschaffen den Gebeugten im Volk, Hilfe bringen den Kindern der Armen, er wird die Unterdrücker zermalmen...“

 

Sehnsucht, erklärt Isabel aus der Schweiz in ihrem Impuls, steht vielleicht nicht so sehr, wie wir meistens denken, für ein Bedürfnis in unserem Innern, sondern eher für die Bedürftigkeit in uns. Dabei wollen wir mit Bedürftigkeit eigentlich nicht viel zu tun haben, wollen nicht „bedürftig“ sein. Doch wir alle haben Sehnen in unserem Körper, und die brauchen einen stetigen Wechsel von Anspannung und Entspannung. Ohne diesen stetigen Wechsel von Anspannung und Entspannung könnten wir uns nicht bewegen, und vielleicht ist es kein Zufall, dass in der deutschen Sprache das Sehnen im Geist und die Sehnen im Körper das gleiche Wort gebrauchen. Ohne unsere Sehnsucht, ohne unsere Bedürftigkeit, würden wir uns vielleicht gar nicht bewegen, schon gar nicht fortbewegen.
Sicher ist jedenfalls: Wir können unsere Sehnsucht nicht zum Schweigen bringen (ohne dabei viel zu verlieren, vieles aufzugeben). Und: Wir können unsere Sehnsucht nicht selbst befriedigen (ohne den anderen neben uns oder vor uns).
Sehnsucht hat einen hohen Preis – sie bietet aber auch großen Gewinn.

Wenn ich den Stern meines Lebens suchen und ihm folgen will, kann ich es auf drei Arten versuchen:

  • meine Sehnsucht benennen
  • mich selbst und meine Motive wahrnehmen
  • auf meine innere Stimme, mein Herz, hören

Wir alle sehnen uns nach gelingendem Leben, nach Freiheit, aber auch nach Halt und Geborgenheit, erklärt Gabi in einem anderen Impuls. Wir sehnen uns auch nach einem Stern, der uns die Richtung weist. Welcher der Tausenden von Sternen ist es? Welcher Stern hilft mir, meinen Weg zu finden?
Bei Jeremia (29, 11-14) spricht Gott zum Volk Israel, das im Exil lebt. Er ruft sie und sagt: „Ich habe für euch Pläne des Heils und nicht des Unheils. Ich gebe euch eine Hoffnung und eine Zukunft. Ich mache es.
Zu Abraham sagt Gott im Buch Genesis (12, 1-4): Abraham, mach dich auf den Weg! Du bist zwar schon 75, aber jetzt zieh weg in ein neues Land! Am Beginn seiner Reise kennt Abraham diesen Gott noch nicht, doch im Laufe seines Weges lernt er ihn kennen als den Gott seiner Verheißung.
Von den Sterndeutern des Neuen Testamentes sagt der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode: Sie sind suchende und findende Menschen. Und der von Nationalsozialisten ermordete Jesuitenpater Alfred Delp sagte, sie sind Menschen „mit unendlichen Augen“, und sie halten ihre Augen offen. Sie lassen sich von der Botschaft, die sie vernommen haben, berühren, und sie machen sich auf den Weg, nehmen Anstrengungen in Kauf. Sie finden dabei nicht sofort, was sie suchen (den Königssohn im Palast des Herodes), aber sie geben nicht auf. Sie glauben ihrem inneren Ruf mehr als den äußeren Zeichen des Palastes.
Durch den Propheten Jeremia hat Gott seinem Volk versprochen: Eure Hoffnung und eure Zukunft bin ich selbst. Wenn ihr mich ruft, bin ich für euch da!

Was brauche ich, wenn ich nachdenke, für meinen Aufbruch?

  • - unendliche Augen
  • - unendliches Vertrauen auf meinen inneren Ruf...
  • - ??

Am späten Samstagabend gestaltet Anne die Vigil, das Nachtgebet. „Wir müssen Wache halten – auch für die anderen Menschen“, greift sie einen Impuls von irgendjemand anderem auf. Auch Jesus hatte ja in verschiedenen Gleichnissen seine Zuhörer aufgefordert, wachsam zu sein; hat von dem Herrn gesprochen, der zu einer Stunde kommt, „in der ihr es nicht erwartet“; hat von den klugen Jungfrauen erzählt, die für ihren langen Weg durch die Nacht nicht nur Lampen, sondern auch zusätzliches Lampen-Öl mitnahmen und es dann auch brauchten, als der Bräutigam plötzlich kam und nach ihnen rief, um sie an seiner Hochzeit teilhaben zu lassen.
Etwas unadventlich, wie sie selbst zugibt, lädt Anne dann dazu ein, vor dem großen Kreuz zu meditieren, vor dem Jesus, der in Lebensgröße knapp über dem Boden vor uns hängt, und vor dem verschlossenen Tabernakel. Drei kleine Königsfiguren ziehen auf dem Teppichboden davor langsam hin zu ihrem Stern, zum Ewigen Licht. Ein A3-formatiges Foto zeigt einen klaren Sternenhimmel vor ihnen.

Auch ich bin auf dem Weg. Ich weiß bloß nicht, welcher der vielen Sterne für mich der Richtige ist. Gerade an diesem Abend leuchten Hunderte vor mir auf, kommen mir unzählig viele Ideen für meine berufliche Arbeit in den Sinn. Gott ist manchmal wirklich großzügig mit leuchtenden Sternen, so wie auch mit aufgehenden Blüten und ausgestreuten Samen in millionen- und milliardenfacher Zahl. Längst nicht aus jedem Samenkorn wächst tatsächlich etwas Neues, und auch von meinen Ideen können wohl nur einige aufgehen, doch ich bitte Gott, dass einige es tatsächlich schaffen.

Ein paar Tage später lese ich etwas von Anselm Grün: Im Lukas-Evangelium gibt es eine Stelle (Kap. 17, V. 20-21), in der die Pharisäer Jesus fragen, wann das Reich Gottes denn kommen werde. Jesus antwortet, das Reich Gottes werde man nicht an äußeren Zeichen erkennen, es sei vielmehr schon „mitten unter euch“, wie es die heutigen Fachleute meist übersetzen. Im griechischen Original aber, sagt Anselm Grün, steht eigentlich nicht „unter euch“, sondern „in euch“ – oder, wie Martin Luther es formulierte: „inwendig in euch“.
Schon viele christliche Mystiker haben denn auch davon gesprochen, dass Christus in uns selbst zur Welt kommen müsse, wenn wir ihn wirklich erfahren wollten. Ich will in den näächsten Wochen versuchen, ihm einen Raum in mir zu bereiten. Leider nur kann ich ihm nicht viel bieten; einen Palast in einer großen Stadt ganz sicher nicht; eher nur eine kleine, zugige Hütte, draußen im Dunkeln. Aber ich schäätze, das macht ihm nicht viel aus. Das kennt er schon.

ein Journalist (44) aus Hamburg

 



Contact UsSite Map